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Ethnizität und ethnische Mobilisierung in Kurdistan

Von Benno Herzog

Inhalt

1. Einführung und Problemstellung

1.1. Begriffsbestimmung Ethnizität und ethnische Mobilisierung

1.2. Kurdisch, was ist das?

2. Die Situation in Kurdistan

2.1. Historischer Abriss Kurdistan

2.2. Der kemalistische Staat

3. Exkurs: Rolle der Diaspora für die Ethnisierung

3.1. Türkische Metropolen

3.2. Med-TV/Media-TV

4. Schluss und Ausblick

Quellen

1. Einführung und Problemstellung

Die Kurden werden oft als das größte Volk ohne eigenen Staat dargestellt. Noch immer kämpfen Kurden in vielen Ländern der Erde, auch außerhalb des ursprünglichen Gebietes "Kurdistan", um kulturelle und politische Rechte.

In meiner Arbeit möchte ich diesem Konflikt auf den Grund gehen.

Ich möchte untersuchen, welche Gründe zur Selbstwahrnehmung als Ethnie führen und damit sozial relevant wurden.

Ich werde mich dabei, soweit es geht, auf die Ethnisierung der türkischen Kurden beschränken.

Dazu werde ich einen kurzen Abriss über die Geschichte der letzten hundert Jahre, mit den für den Ethnisierungsprozess wichtigsten Stationen aufzeigen. Ich werde anschließend aufzeigen, wie das kemalistische Staatsverständnis auf den Ethnisierungsprozess einwirkt. Darüber hinaus werde ich die Bedeutung der Diaspora für den Ethnisierungsprozess aufzeigen. Anhand einer Untersuchung über Kurden in türkischen Metropolen und des Fernsehsenders Med-TV (inzwischen Media-TV), werde ich zeigen wie sehr der Ethnisierungsprozess von Kultur und Politik in der Diaspora beeinflusst wird. Doch zunächst einmal werde ich die Grundlegenden Begriffe "Ethnizität", "Ethnisierung" etc. klären, da ich in dieser Arbeit einige Begriffe synonym verwende. Darüber hinaus möchte ich vorab klären, was "Kurde" überhaupt heißt, wie man kurdisch definieren kann und warum ich der Meinung bin, dass sie eine eigene Ethnie sind.

Mein Ziel ist es, herauszuarbeiten, warum sich Gruppen wie die Kurden ethnisieren, welche Faktoren eine Ethnisierung ermöglichen und welche dies erschweren. Dabei interessiert mich vor allem das Verhalten der Mehrheitskultur (in diesem Fall der Türken und der türkischen Regierung). Ich möchte wissen, wie ihr Verhalten zu einer Ethnisierung beiträgt. Ferner möchte ich wissen, welche Chancen und welche Gefahren eine Ethnisierung in Hinblick auf den Konflikt in Kurdistan in sich trägt.

1.1. Begriffsbestimmung Ethnizität und ethnische Mobilisierung

Ethnizität ist, die soziale Tatsache, "dass Gruppen von Menschen, die Gemeinsamkeiten von Kultur besitzen, geschichtliche und aktuelle Erfahrungen miteinander teilen, Vorstellungen über eine gemeinsame Herkunft haben und auf dieser Basis ein bestimmtes Identitäts- und Solidarbewußtsein ausbilden" (Heckmann, 1992, S.30).

Wichtig hierbei ist vor allem, dass nicht eine gemeinsame Herkunft entscheidend für Ethnizität ist, sondern auch die Vorstellung einer gemeinsamen Geschichte und Herkunft oft schon ausreicht, was für das kurdische Beispiel noch relevant sein wird. Weil für die weitere Untersuchung relvant, möchte ich nocheinmal das Solidarbewusstsein betonen, welches für die Selbstdefinition einer Ethnie unabdingbar ist.

Ethnizität ist deshalb oft in der Lage so starke Bindungen zu schaffen, weil es ihr gelingt, Interessen und Gefühle miteinander zu verbinden. Sie schafft eine gemeinsame Identifikation über sinnlich erfahrbare Dinge, wie Sprache, Essen, Musik etc. Daher bietet Ethnizität gerade in Gesellschaften, in denen sich durch die schnelle Veränderung von Werten und Glaubensinhalten das Gefühl der Entwurzelung breit macht, einen "psychologischen Anker".

Als Ergänzung zu der vorangegangenen Definition von Ethnizität, läßt sich das Kriterium der Grenzziehung hinzufügen. Nach Barth sind die Grenzziehung und die Aufrechterhaltung der Grenze, also die Mechanismen der Zugehörigkeit und des Ausschlusses, ein wesentliches Kriterium von ethnischen Gruppen (vgl. Heckmann, 1992, S.37). Entscheidend für Ethnizität ist also die subjektive Wahrnehmung und die Abgrenzung nach außen.

Ethnizität ist aber eine soziale Kategorie und noch kein soziales Handeln.

Ethnizität kann einerseits eine Ressource sein, die zum Vorteil einer sozialen, kulturellen oder rassischen Gruppe von Menschen in bestimmten Situationen und für bestimmte Zwecke mobilisiert wird, zum anderen gibt es Situationen, in denen Ethnizität überhaupt keine Bedeutung zukommt. Es ist außerdem möglich, dass Ethnizität in Situationen, in denen andere Ziele und Zwecke im Vordergrund stehen, sogar zu einer Belastung werden kann.

Zum sozialen Handeln wird Ethnizität erst über den Umweg der ethnischen Mobilisierung. Über die ethnische Mobilisierung bietet Ethnizität die Chance für die Entstehung vorgestellter Gemeinschaften.

Ethnische Mobilisierung ist der Versuch bestimmter Gruppen, ihre ökonomische und politische Lage zu verbessern. Ich verwende in meiner Arbeit die Begriffe ethnische Mobilisierung und Ethnisierung synonym.

Auf den Unterschied zwischen Ethnie, Volk und Nation kann hier nicht weiter eingegangen werden. Es sei nur soviel gesagt, dass "Volk", ein staatsrechtlicher Begriff ist, der das umfassendste ethnische Kollektiv bezeichnet. Da die Kurden solch ein umfassendes ethnisches Kollektiv sind, verwende ich die Begriffe Volk und Ethnie, in Bezug auf die Kurden synonym.

1.2. Kurdisch, was ist das?

Die Kurden (je nach Schätzung zwischen 25 und 40 Mio.) leben über mehrere Staaten verteilt. Der größte Teil von ihnen lebt in der Türkei, aber ein nicht unerheblicher Teil lebt im Iran und im Irak. Darüber hinaus erstreckt sich das kurdische Siedlungsgebiet noch nach Syrien und Armenien. Ca. 800.000 Kurden leben in Europa, allein 500.000 in Deutschland. Diese Aufteilung der Kurden über mehrere Staaten erschwert das Finden einer gemeinsamen Identität. Eines der wichtigsten Merkmale ethnischer Identität, eine gemeinsame Sprache, ist nicht eindeutig gegeben. Viele Kurden, vor allem in der Türkei, wo das Sprechen und Schreiben der kurdischen Sprache verboten ist, sprechen überhaupt kein kurdisch, sondern nur türkisch. Darüber hinaus gibt es, aufgrund des Fehlens einer nationalen Sprachakademie, keine kurdische Hochsprache. Sie ist vielmehr in verschiedene Dialekte unterteilt, deren Sprecher die jeweilig anderen Dialekte nicht oder nur schwer verstehen.

Da Kurdisch eine mündlich überlieferte Sprache ist und keine eigene Schriftkultur besitzt, gibt es zudem noch drei verschiedene Schreibweisen des Kurdischen. Türkische Kurden benutzen das lateinische Alphabet, Kurden im Iran, Irak und Syrien die arabische Schreibweise und Kurden in Armenien schreiben kyrillisch.

Auch die Religion ist bei Kurden nicht einheitlich. Zu einer kleinen Minderheit christlicher und jüdischer Kurden vor allem in Armenien, kommt eine große Anzahl der verschiedensten muslimischen Religionen. Es gibt zahlreiche Alewiten, deren Religion von anderen muslimischen Gruppierungen nicht als muslimisch anerkannt wird. Darüber hinaus gibt es eine große Anzahl von kurdischen Suniten und Schiiten.

Außerdem existieren im oft noch feudal organisierten Kurdistan eine Menge anderer Faktoren, die für die Identitätsbildung wichtig sind. So zählt die Zugehörigkeit zu einer Familie, einem Dorf oder die Stammeszugehörigkeit in Abgrenzung zu nichttribalen Kleinbauern als wichtiges Identifikationsmoment.

All diese unterschiedlichen Identifikationsmöglichkeiten müssten eigentlich das Bilden einer Ethnie als übergeordnete Einheit erschweren. Doch in Kurdistan gibt es ein Wort: "Kurdistan, im Herzen des Mittleren Ostens, sei ein bunter 'Blumengarten' von Religionen, Nationen, Kulturen." (zit. nach Sayan, 2000, S.6). Und in der Tat kann man bei der Untersuchung über die ethnische Identifizierung in Kurdistan nicht von Urbildern "reiner" Völkerschaften ausgehen, dafür ist Anatolien und der Mittlere Osten zu sehr als Schmelztiegel verfasst (vgl. auch Möch-Bucak, 1994, S.239).

Entscheidend für die ethnische Identifizierung bei den Kurden, sind vor allem drei Dinge.

1.) Die Vorstellung einer gemeinsamen Geschichte. Die Kurden glauben, (was wissenschaftlich als nicht erwiesen scheint) gemeinsam von den Medern abzustammen. Desweiteren wird in Kurdistan noch oft der Mythos hochgehalten, das Land sei die Wiege der Menschheit und ebenfalls die Wiege der Zivilisation (vgl. auch: Bayik, 1999, S.39).

2.) Ein gemeinsames Solidarbewusstsein, scheint sich gerade in letzter Zeit vermehrt zu bilden. Damit ist ein wichtiger, wenn auch stark subjektiver Faktor für die Bildung einer Ethnie gegeben.

3.) Mit der Erweiterung der Definition durch Bahr, wird die Grenzziehung zum wichtigen Element der kurdischen Ethnie. Die Grenzziehung fand in der Vergangenheit oft über die Sprache statt oder über den Beruf, waren doch Angehörige der jeweiligen ethnischen Mehrheit oft Repräsentanten der Osmanischen Hochkultur (militärisch-bürokratische Beamte, höhere Mitglieder der Religionsbehörde etc.). Inzwischen wird die Grenze stark durch die Repressionen gegen die Kurden gezogen. Dadurch, dass insbesondere in der Türkei der Kampf zwischen dem Militär und der PKK auf die Zivilbevölkerung übergegriffen hat, ist jeder gezwungen, sich selbst eindeutig zu definieren und eine Grenze zu ziehen.

Auch wenn klassische Merkmale einer Ethnie bei den Kurden nicht unbedingt gegeben sind, so scheint doch die (subjektive) Selbstwahrnehmung als Ethnie so stark ausgeprägt, dass man durchaus von einer eigenständigen Ethnie reden kann.

2. Die Situation in Kurdistan

2.1. Historischer Abriss Kurdistan

In diesem Abschnitt möchte ich mich, wie bereits angekündigt, auf die jüngere Geschichte vor allem der Türkei beziehen und die Auswirkungen für die Ethnisierung der Kurden herausstellen.

Im Osmanischen Reich gab es keine Tradition der Unterdrückung ethnischer Merkmale (vgl. auch Bozarslan, 1997 S. 221). Zwar gab es auch mitunter heftige Auseinandersetzungen zwischen Reich und Kurden, doch diese zielten lediglich auf die Bewahrung der territorialen Integrität und nicht gegen die kurdische Kultur. Erst als das Osmanische Reich zerfiel und sich neue Staaten auf der Basis der bereits vorhandenen religiösen Strukturen bildeten, gingen die Kurden leer aus, nicht zuletzt, weil sie keine eigene Kirche hatten, die in der Lage war, die strukturellen Voraussetzungen für eine Staatenbildung zu schaffen. So kämpften viele Kurden im nationalen Befreiungskrieg unter dem Oberbefehl Mustafa Kemals an der Seite der Türken. Mustafa Kemal, später auch Atatürk (Vater der Türken) genannt, kämpfte gegen den "Knebelvertrag" von Sèvres, der 1920 übrigens auch einen eigenen kurdischen Staat vorsah. Kurz nach der Machtübernahme Kemals und den Vertrag von Lausanne, wurde die Türkei als homogene Nation gesehen. Kurden wurden als rückständige "Bergtürken" dargestellt, die lediglich eine kurdischen Kultur leben würden. Durch die Erfolge des Befreiungskrieges und den Versuch Kemals den Kurden eine eigenständige Kultur zu verwehren (kurdische Schulen wurden geschlossen, die kurdische Sprache verboten, kurdische Namen wurden in türkische umgewandelt etc.), erhielt ein eigener kurdischer Nationalismus als Gegenreaktion enormen auftrieb. Dieser fand in der Republik von Mahabad, einem kurzzeitigen eigenen Staat auf dem Gebiet des heutigen Iran ihren vorläufigen Höhepunkt. Diese, von 22.01.-15.12.1946 existierende Republik hat noch heute Symbolwirkung für die kurdische Bewegung.

Ein weiteres Aufkeimen eines eigenen ethnischen Bewusstseins, erfolgte in den 60er Jahren. Die Welle des "ethnical revival", des wiedererstarkens ethnischer Identitäten in einer Zeit, in der Wissenschaftler eigentlich das Ende ethnischer Identitätsbildung vorausgesagt hatten, schwappte von den USA über Europa auch bis nach Kurdistan.

"Die neue kurdische Bewegung wurde, am deutlichsten in der Türkei, durch den doppelten Prozess von allgemeiner Bildung und Urbanisierung hervorgebracht. Sie wurde in den großen Städten geboren, wo sich kurdische Studenten, Intellektuelle und später Arbeitsmigranten stärker bewußt wurden, daß sie anders waren als die dominante Ethnie und diskriminiert wurden." (van Bruinessen, 1997, S.203)

Während vorher das Nationalbewusstsein der Kurden hauptsächlich eine kleine gebildete Elite beschäftigte, die immer wieder flüchtige Bündnisse mit lokalen Stammeschefs einging, fand nun das Bewusstsein, eine eigene Ethnie zu sein stärker Verankerung in der Bevölkerung.

Einen erneuten Höhepunkt bekam die Ethnisierung der Kurden durch den Beginn des bewaffneten Kampfes der PKK und die überharte Reaktion des türkischen Militärs. Die Reaktionen des Militärs trieb einen Großteil der Bevölkerung in die Arme der PKK. Von nun an war es fast unmöglich, sich nicht ethnisch zu definieren, da von beiden Seiten eine klare Stellungnahme gefordert wurde. In ihrer Anfangsphase forderte die PKK, noch einen eigenen Staat, verabschiedete sich aber seit 1994 zusehends von dieser Forderung und verlangt nun lediglich politische und kulturelle Autonomie unter Bewahrung der Grenzen der türkischen Republik. Dabei beruft sich die PKK auf das Selbstbestimmungsrecht nach Artikel 1 und 2 der UNO-Charta. Die türkische Regierung sieht darin allerdings nur ein "Täuschungsmanöver" der "Terroristen". Unterstützung in der Bevölkerung erhält die PKK weniger aufgrund ihrer marxistisch-leninistischen Ideologie, sondern aufgrund des kurdischen Nationalismus, den sie verkörpert (vgl. Gürbey, 1997, S. 138).

2.2. Der kemalistische Staat

Während in den Verhandlungen zum Vertrag von Lausanne noch von einer Nation in der Kurden und Türken gleichberechtigt nebeneinander leben sollten, gesprochen wurde, war im fertigen Vertrag nur noch von religiösen, nicht aber von ethnischen Minderheiten die Rede. Es sei unmöglich - so Ankara - diese durch Verschmelzung verschiedener Nationen entstandene Gesellschaft, ethnisch auseinander zu dividieren (vgl. Steinbach, 1989, S. 43). Unberücksichtigt bleibt dabei meist die Tatsache, dass der Vertrag von Lausanne den "freien Gebrauch irgendeiner Sprache durch jeden türkischen Staatsbürger" schützt.

Der kemalistische Staat als ethnisch begründeter Nationalstaat versucht, ethnische Gruppen als separate Gruppen aufzulösen, weil er in ihnen eine Bedrohung für die "nationale Einheit" sieht. Er startete mehrere Versuche der Zwangsassimilierung, der Homogenisierung und der "Türkisierung". Dies geschah aus dem Grundsatz des "unteilbaren Staatsvolkes und Staatsgebietes" heraus. Dieser Grundsatz, findet sich auch in verschiedenen Gesetzen wieder, zum Beispiel im Parteiengesetz (Artikel 81), in dem es verboten wird, "Minderheiten zu schaffen".

"Die politischen Parteien und Vereine dürfen nicht behaupten, daß auf dem Gebiet der Türkei Minderheiten leben, deren Unterschiedlichkeit in der nationalen oder religiösen Kultur, der Konfession, Ethnizität oder Sprache beruht. Sie dürfen nicht das Ziel verfolgen, durch Pflege, Entwicklung und Verbreitung anderer Sprachen und Kulturen als der türkischen auf dem Gebiet der Türkei Minderheiten zu 'schaffen' und die Integrität der 'Nation zu zerstören'" (Gürbey, 1997, S.117).

Dabei schreckt der Staat auch nicht vor Gewalt und Vertreibung bzw. Zwangsumsiedlung zurück. Doch dieses Verhalten hat den Konflikt nicht etwa eindämmen können, sondern ihn - im Gegenteil - noch ausgeweitet auf die neuen Siedlungsgebiete, die türkischen Metropolen und Europa. In dem Maße, indem die Zwangsmaßnahmen gegen Kurden zunahmen, verstärkte sich auch der Entfremdungsprozess zwischen Kurden und Türken, sowie zwischen Kurden und dem türkischen Staat und führte weiter zur nationalistischen Verhärtung beider Seiten. Immer noch spricht die türkische Regierung nicht vom "Kurdenproblem", sondern von sozioökonomischen Problemen in der Region (was sicherlich auch richtig ist) oder vom "Terrorismusproblem".

Ein weiteres Phänomen in der Türkei ist sicherlich auch die verfassungsrechtlich verankerte, starke Stellung des Militärs, das sich als Hüterin des Kemalismus versteht und in wichtigen politischen Fragen immer wieder erster Entscheidungsträger ist.

Es ist abschließend festzustellen, dass die PKK starkes Gewicht auf die Behauptung und Bestätigung einer kurdischen Identität legte. Der kemalistische Nationalismus vollzog eine ex negativo-Zuschreibung der Kurden als besonders rückständiger Teil einer ethnisch homogenisierten Gesellschaft. Dem wurde die Selbstzuschreibung einer kurdischen Identität entgegengesetzt, die auf einer einheitlichen Geschichte, eigener kurdischer Tradition und Kultur, sowie nicht zuletzt eigenen Abstammungsmythen gründet. Die durch die kemalistische Ideologie geleugnete "schlichte kulturelle Eigenart" kurdischer Lebensform gerät so in den Mittelpunkt einer "sozial relevanten Identität" (vgl. Wolter, 1995, S. 25).

3. Exkurs: Rolle der Diaspora für die Ethnisierung

Der Diaspora wird eine besondere Bedeutung für die Bildung einer ethnischen Identität eingeräumt, da ethnische Minderheiten dort oft stärker diskriminiert sind und ihre "Andersartigkeit" somit deutlicher zu spüren bekommt. Andererseits bietet die ausländische Diaspora den Kurden die Möglichkeit, ihre Kultur stärker zu leben (Sprache, Musik, etc.) als in der Türkei. Doch werden viele Diskriminierungen auch zum Beispiel in Deutschland fortgesetzt, wie das Verbot kurdischer Namen.

Im Folgenden möchte ich mich eingehender mit der Ethnisierung der Kurden in den türkischen Metropolen beschäftigen und untersuchen, wie die starke Diskriminierung dort sich auf den Ethnisierungsprozess auswirkt. Zudem möchte ich die Rolle des kurdischen Satelitensenders Med-TV in diesem Prozess untersuchen, der für die Möglichkeit kurdischer Kulturtätigkeit im Ausland steht.

3.1. Türkische Metropolen

Viele Arbeitsmigranten oder Vertriebene in den türkischen Metropolen, bekommen als lokale Minderheit, eine besonders starke Diskriminierung zu spüren. Sie leben in sogenannten Gecekonder-Vierteln, die nur langsam in die Stadt integriert werden. Dabei ist auch in diesen Vierteln eine zunehmende Ethnisierung zu beobachten.

Kurden in der Diaspora suchen nach starken Organisationen, die sich für sie einsetzen und durch räumliche Nähe auch physisch präsent sind (vgl. Wedel, 1997, S. 165). Konnte früher die politische Linke, noch einen gewissen Schutz und eine Heimat darstellen, suchen seit der Zerschlagung der türkischen Linken mit dem Militärputsch von 1980, viele Kurden Schutz in ihrer kurdischen Identität.

Eine Zeit lang war das Aufleben religiöser Identitäten eine "Bedrohung" für kurdische ethnische Identitäten. Wedel weist in ihrer Untersuchung über Kurden in türkischen Metropolen nach, dass je nach Zusammensetzung eines Gecekonder-Viertels, die kurdische oder auch die alewitische Identität betont wird. Aus Angst vor der Mehrheitsreligion der Sunitten, die teilweise als faschistisch verteufelt werden (wohingegen Alewiten von Suniten oft als Kommunisten eingestuft werden), wurde die Nationalbewegung oft nicht unterstützt. Auch heute noch schwankt die vorherschende Identität, je nachdem, ob die türkische Rechte oder der religiöse Gegner als größere Bedrohung empfunden wird.

3.2. Med-TV/Media-TV

Der kurdische Fernsehsender Med-TV der im Mai 1995 auf Sendung ging, nimmt eine besondere Stellung für die Ethnisierung der Kurden ein. Med-TV der von London aus sendet, aber auch Studios in Berlin, Brüssel, Stockholm und Moskau hat, finanziert sich aus Werbeeinnahmen, aber hauptsächlich aus Spenden kurdischer Geschäftsleute in Europa. Er erlaubt es den Kurden, über ihre Verteilung in mehreren Nationen, ihre kulturellen und sprachlichen Grenzen abzustecken. Med-TV ermöglicht es einem staatenlosen Volk miteinander und übereinander zu kommunizieren. Wie Hassanpour in seiner Ausführung aufzeigt, schafft sich Med-TV ein eigenes, nationales Publikum (vgl. Hassanpour, 1997, S. 262). Es wird sozusagen ein eigener, öffentlicher Raum im Äther geschaffen.

Die "Gefahr" der ethnischen Moblisierung, die von Med-TV ausgeht, wurde auch von der türkischen Regierung erkannt. Da sie gegen die Ausstrahlung nicht direkt vorgehen kann, richten sich ihre Repressionen vor allem gegen die Zuschauer. Das Schauen von Med-TV ist in der Türkei sowieso verboten, doch es wird auch gegen Besitzer oder Händler von Satelitenschüsseln vorgegangen. Aber auch im Ausland versucht die Türkei, mit diplomatischem Druck, den Sendebetrieb zu unterbinden.

Med-TV (der Name bezieht sich übrigens auf die gemeinsame Abstammung von den Medern) übernimmt viele, für die Ethnisierung wichtige Funktionen. So übernimmt er beispielsweise die Funktion einer Sprachakademie. Ständig müssen die Macher von Med-TV entscheiden, in welcher Sprache (türkisch/kurdisch) und in welchem Dialekt (Kurmancî, Soranî, Zaza) sie senden und in welcher Sprache, welchem Dialekt und in welcher Schrift (v.a. arabisch, lateinisch) sie die Untertitel gestalten. Desweiteren bedeutet die Übersetzung und die Synchronisation von Texten und Filmen eine Herausforderung für das lexikalische Repertoire der kurdischen Sprache. Es müssen neue, aktuelle Wörter auf der Basis der kurdischen Sprache gefunden werden. Zudem gewinnt Sprache durch die Medien und vor allem das Fernsehen an Glaubwürdigkeit und Legitimität (vgl. Hassanpour, 1997, S. 264). So heißt es auch beispielsweise von Med-TV selbst: "Med-TV hofft, bei der Erneuerung der kurdischen Sprache und der Identität dieser enteigneten Nation Unterstützung zu leisten."

Da aufgrund des "Linguizids" und des "Ethnozids" (Hassanpour) gegen die Kurden kaum visuelles und audiovisuelles Material kurdischer Kulturtätigkeit vorhanden ist, das Kulturprogramm bei Med-TV aber den größten Sendeanteil hat, ist das Darstellen und beleben kurdischer Kultur via Fernsehen eine enorme Herausforderung. In der Regel wird dabei auf kulturelle Veranstaltungen der Kurden in Europa zurückgegriffen.

Doch Med-TV will nicht nur eine "Zuschauersolidarität" unter Kurden herstellen. Med-TV arbeitet eng mit baskischen und katalanischen und griechischen Sendern zusammen und räumt den Assyrern sogar eigene Sendezeit ein.

4. Schluss und Ausblick

Im Verlaufe der Geschichte der noch jungen Türkischen Republik kam es - nicht trotz, sondern aufgrund - der massiven Repressionen gegen die kurdische Kultur, zu einer Selbstethnisierung. Kulturelle Tatsachen, wie die kurdische Sprache, wurden vom Staat immer wieder verleugnet und massiv verfolgt. Gerade diese Verfolgung zwang viele Menschen zu einer ethnischen Selbstdefinition, die sie vorher vielleicht so nie gemacht hätten.

Angefangen mit dem "ethnical revival", aber vor allem durch das Auftreten der PKK wurde Ethnizität als sozial relevant wahrgenommen. Die PKK war in der Lage, das für Rückständigkeit stehende Kurdische, positiv umzudeuten, so dass aus einem kulturellen Konflikt ein ethnischer wurde. Durch die ethnische Mobilisierung besteht für die Kurden die Möglichkeit, ihre Interessen wirkungsvoller, weil intensiver und solidarischer durchzusetzen. Die Gefahr war und ist dabei allerdings, dass der türkische Staat nicht nachgibt, sondern im Gegenteil, mit einer drastischen Steigerung der Repressionen reagiert. Dies führte zu nationalistischen Verhärtungen in denen die türkische Regierung tatsächlich fürchten musste, im Falle einer kulturellen und politischen Autonomie für Kurdistan, das Territorium ganz an einen eigenen kurdischen Staat zu verlieren.

Doch seit längerem hat sich die PKK von der Forderung nach einem eigenen Staat abgewandt, so dass die Angst davor, in den Köpfen der herrschenden Elite als unbegründet gelten muss. Mit dem Leugnen kultureller Tatsachen, wird auf die Dauer Frieden ebensowenig erreicht werden können, wie durch eine militärische Lösung. Doch solange die Türkei an ihrer kemalistischen Doktrin des einen Staatsvolkes festhält, können sich keine Lösungen auf der Basis internationaler Rechte entwickeln.

In meiner Arbeit sind sicherlich einige Probleme zu kurz gekommen, wie die Problematik der Zaza, bei denen sich einige Strömungen inzwischen nicht mehr als Kurden definieren. Auch der oft verwendete Kulturbegriff konnte nicht mehr genauer untersucht werden.

Zu guter Letzt möchte ich noch betonen, auch wenn diese Arbeit über weite Strecken eher politisch als soziologisch war, denke ich das ein Verständnis für den Ethnisierungsprozess nur aus einer Analyse der politischen Situation entstehen kann. Auch habe ich mich stets bemüht, die Relevanz der historisch-politischen Vorgänge für die soziologische Analyse aufzuzeigen.

Quellennachweis

Bayik, Cemil, Die PKK ist eine sozialistische Partei, in: Kurdistan Report Nr.97, Berlin 1999/2000,

Bozarslan, Hamit Der Kemalismus und das Kurdenproblem in: Kieser Hans-Lukas (Hrsg.) Kurdistan und Europa, Chronos Verlag Zürich, 1997

van Bruinessen, Martin, Kurden zwischen ethnischer, religiöser und regionaler Identität, in: Borck Carsten (Hrsg.) Ethnizität, Nationalismus, Religion und Politik in Kurdistan Lit Verlag Münster, 1997

Gürbey, Gülistan, Optionen und Hindernisse für eine Lösung des Kurdenkonfliktes in der Türkei, in: Borck Carsten (Hrsg.) Ethnizität, Nationalismus, Religion und Politik in Kurdistan Lit Verlag Münster, 1997

Hassanpour, Amir, MED-TV, Großbritannien und der türkische Staat: Die Suche einer staatenlosen Nation nach Souveränität im Äther in: Borck Carsten (Hrsg.) Ethnizität, Nationalismus, Religion und Politik in Kurdistan Lit Verlag Münster, 1997

Heckmann, Friedrich; Ethnische Minderheiten, Volk und Nation , Ferdinant Enke Verlag Stuttgart, 1992

Möch-Bucak, Yayla, Die Rolle der kurdischen Sprache bei der Indentitätsfindung, in: Hinz-Karadeniz, Heidi (Hrsg.), Kurdistan - Politische Perspektiven in einem geteilten Land, Focus Verlag Gießen, 1994

Sayan, Giyasettin, Zu "Multikulti" gehört Gleichberechtigung - politisch und kulturell in: Kurdistan Rundbrief GNN Verlag Berlin, 09.02.2000

Steinbach, Udo, Die Türkei zwischen Vergangenheit und Gegenwart in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 223, Franzis-Verlag München, 1989

Wedel, Heidi, Kurdinnen in türkischen Metropolen,: Migration, Flucht und politische Partizipation in: Borck Carsten (Hrsg.) Ethnizität, Nationalismus, Religion und Politik in Kurdistan Lit Verlag Münster, 1997

Wolter, Udo, Kult um Kurdische Kultur, in: Blätter des iz3w Nr. 209, Freiburg 1995